Was bedeutet Ihnen Dorothee Sölle noch heute?


Am 30.9.2019 wäre Dorothee Sölle 90 Jahre alt geworden. Ein guter Anlass, zu sammeln, welche Bedeutung sie noch immer hat.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber wurde von Dorothee Sölle geschätzt und zitiert. Er sagte einmal: Der Mensch wird nur am DU zum ICH. Wir nehmen alle etwas mit aus Begegnungen mit anderen Menschen und manche von Ihnen haben mir direkt oder über das Gästebuch geschrieben, wo Dorothee Spuren im eigenen Leben hinterlassen hat. 

Der Antikriegstag am 1. September ist ein passender Anlass, Ihre Stimmen zu Dorothee Sölle zu veröffentlichen.

 

Unten erste Stimmen von Margot Käßmann, Karin Pointner, Pierre Stutz, Ursula Baltz-Otto, Irene Diller und Martim Rumscheid.


Wenn auch Sie etwas schreiben wollen zur Bedeutung von Dorothee Sölle für Sie, schicken Sie Ihren Text bzw. Text und Foto an 

mail@dorothee-soelle.de

Foto: © Burkhard Bartel
Foto: © Burkhard Bartel

Dorothee Sölle beim Kirchentag 1999 in Stuttgart


Margot Käßmann

„Dorothee Sölle war mir ein Vorbild im freien Denken und im Mut. Ich sehe sie da noch stehen in Vancouver 1983 mit ihrer Rede vor der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Mehr als 4000 Menschen waren gespannt, was die Frau sagen würde, gegen deren Redebeitrag ihre eigene Kirche vorab Einspruch erhoben hatte. Und sie begann: ‚Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Erde kommt; einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte ...‘. In der EKD Delegation rechts und links von mir gab es die ersten empörten Bemerkungen ...

 

Später habe ich Dorothee bei Kirchentagen getroffen, einmal für mich erinnerungswürdig im Hotelpool. Sie konnte so fröhlich lustig sein, ganz anders als ihre Kritiker meinten, war sie überhaupt keine griesgrämige Person. Und nie vergessen werde ich ihre Trauerfeier, bei der ihre Enkeltochter so schluchzte, weil sie ihre Omi verloren hatte. Dorothee war eine beeindruckende, weit denkende Frau mit Haltung und einfach auch eine sehr liebenswerte Person.“


Katrin Pointner

"Liebesfähig zu werden ist das Ziel des Lebens". Dieses bekannte Zitat von Dorothee Sölle hat mich immer sehr berührt und zeigt auch sehr gut, wie sie ihr Leben gelebt hat. Am meisten fasziniert und begeistert hat mich ihre klare Kritik, die trotzdem menschlich war. Ihr Wirken FÜR die Menschen und nicht gegen sie. Ihre klugen und durchdachten Formulierungen, die genau auf den Punkt trafen, ohne jemanden zu beleidigen. Sie hat den „Dritten Weg“ gesucht, einen Weg ohne Erniedrigungen und Beschuldigungen, sondern einen Weg der Solidarität und Aufrichtigkeit. In meinen Augen hat sie ihn gefunden und weist ihn noch heute vielen von uns. Dafür werde ich ihr immer dankbar sein.

 

Am 28. Februar 2020 werden wir (Sozialreferat der Diözese Linz) in Linz auch einen Nachmittag zur Politischen Theologie von Dorothee Sölle veranstalten. Sie ist uns also wirklich bis heute ein Anliegen und eine Inspiration.


Pierre Stutz

Das ganze Jahr hindurch bin ich meiner Freundin Dorothee unterwegs. An jedem meiner Vorträge und Seminare ist sie dabei mit ihren berührend-herausfordernden Worten. Ihr Gedicht "Ich dein baum" rührt mich immer wieder im Innersten an:

 

Hör nicht auf mich zu träumen gott

ich will nicht aufhören mich zu erinnern

dass ich dein baum bin

gepflanzt an den wasserbächen

des lebens

 

Was für eine mystische Perle, die zum unbequemen Handeln führt:

 

nicht du sollst den flüchtlingen raum geben sondern ich soll dich aufnehmen schlecht versteckter gott der elenden

 

Merci Dorothee!


Ursula Baltz-Otto

Ursula Baltz-Otto hat mit Fulbert Steffensky die Gesamtausgabe der Werke von Dorothee Sölle herausgegeben. Sie hat nach Dorothees Tod ein Lesebuch ihrer wichtigsten Texte herausgegeben. Mit Dorothee verband sie eine jahrelange Freundschaft.

 

Zum 90. Geburtstag von Dorothee Sölle

Ich kenne Dorothee Sölle seit den sechziger Jahren, seit dem Politischen Nachgebet und der Vereinigung Christen für den Sozialismus. Ich habe an allen neun Seminaren, die Dorothee Sölle in Mainz gehalten hat, teilgenommen bzw. auch mitgearbeitet. Sie war, ja sie ist mir Wegbegleiterin, Freundin und Schwester gewesen.

Für mich und für viele meiner Generation war sie prägend. Ihr Denken, ihre Bücher sind Wegzeichen der Hoffnung und Ermutigung. Ohne Dorothee Sölle kann ich mir meine theologische und auch poetische Existenz kaum vorstellen.

Ich habe Dorothee Sölle erlebt und gehört, im Politischen Nachtgebet in Köln, auf Kirchentagen, bei Protestkundgebungen, bei Friedenskundgebungen, bei Diskussionen und Lesungen. Ich war von der Klarheit und Entschiedenheit ihrer Worte beeindruckt. Sie war für mich eine herausragende Theologin, die Ernst machte mit der Botschaft Jesu. Ihre Theologie wollte den Glauben weder vom politischen Engagement noch vom Wissen oder von der Poesie getrennt haben. Sie war überzeugt, dass sich die Zustände verändern lassen. Ihr couragiertes und kompromissloses Eintreten für Gerechtigkeit, gegen Krieg und Gewalt, für den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung war ansteckend. Und es war und es ist für mich so geblieben: diese radikale Ermutigung zur Phantasie des Lebens in seiner Fülle, die Sehnsucht nach Licht und Freiheit, ihr Mit-leiden und das Bedürfnis, Sinn zu erfahren und Sinn zu stiften. Ich möchte Dorothee Sölle eine moderne Prophetin nennen, die wie die Propheten im Alten Testament nach Gottes Willen fragte, die kein gottfernes Leben wollte, sondern Leben als Umkehr, als Konversion verstand. Sie sagte nein zu Gewalt, zu den lebenszerstörenden Hoffnungen, nein zu Ungerechtigkeit, nein zur Zerstörung des Lebensraumes Erde.

  

Wir brauchen licht

um denken zu können

wir brauchen luft um atmen zu können

wir brauchen ein fenster zum himmel…

 

Diese Verse Dorothee Sölles fordern zu bewusstem Sehen und Wahrnehmen auf, wollen Erkenntnis, Wahres von Falschem unterscheiden. Es ist auch die Suche nach Geborgenheit und die Abkehr von allem, was gegen das gottgegebene Leben gerichtet ist. Diese Hoffnung wollte Sölle wachhalten. Dafür hat sie gearbeitet, protestiert, damit ein Stück Himmel auf unserer Erde Wirklichkeit werden konnte.


Irene Diller

Gender- und Gleichstellungsstelle der Evangelischen Kirche im Rheinland


Martin Rumscheid

Meine leider verstorbene Lebensgefährtin Barbara Rumscheidt und ich haben Dorothees "Gegenwind" und "Mystik und Widerstand" übersetzt; Barbara und Dorothee haben schnell zueinander gefunden: eine feministische Kanadierin und eine deutsche Theologin haben schnell entdeckt, was "bridge-building" zwischen Nordamerika (ich meine damit keineswegs ausschließlich die USA) und der EU der - oh! so absolut notwendigen - Erneuerung der Theologie und Kirche bedarf..

 

Ich möchte aber zum 90. Geburtsjahr ganz spezifisch den mir so einsichtsvollen Abschluss-Segen, den Dorothee am Ende einer Veranstaltung während des 1992 Thüringers Kirchentags in Erfurt, uns schenkte, Ihnen nun als meinen Beitrag zu Dorothee Soelle senden.

 

Es sei in deinem Leben kein Tag, an dem du völlig alleine bist.

Es sei in deinem Leben kein Tag, an dem du weder ein noch aus weißt.

Es sei in deinem Leben kein Tag, an dem du nur schreien kannst: Ich kann nicht mehr!

Es sei in deinem Leben kein Tag ohne Schwestern, Brüder und Freunde.

Und es sei in deinem Leben kein Tag ohne den Trost Jesu Christi.

 Sie sprach diesen Segen zum Abschluss einer Veranstaltung für Jugendliche. Heino Falcke, der Erfurter Probst, war mit Dorothee zusammen und hatten ein oh! so seltenes Gespräch, so herrlich abgegrenzt von uns leider immer noch so bürgerlichen Christen.


Viola Gabor

Lebendig

Dorothee Sölle, die bedeutende theopoetische Stimme, mit der ich das große, prägende Glück hatte gemeinsam auf der Bühne zu stehen und hinter der Bühne auf das Leben und den Tod nicht selten mit einem guten Glas Weißwein anzustoßen, starb 2003. Solange wir uns kannten bin ich oft umgezogen. Jedes Mal habe ich Erinnerungen mitgenommen und Neuland betreten. In jeder Küche hing ein ganz wunderbar lebenshungriges Foto von Marilyn Monroe. Ein Gruß aus dem Jenseits, der mir half, immer wieder neu zu beginnen. Es muss mindestens die 5. Küche gewesen sein, in der auch Dorothee Sölle zu Gast war, ein köstliches gemeinsames Mahl erwartend. Da prostete sie mit ihrem Weinglas dem Foto zu und fragte mich: “Sag mal, Du alte Kröte, warum hängt die eigentlich immer da und nicht ich?“ Dumm wie man manchmal überrumpelt antworten kann, stammelte ich: “Naja, Du, ...die ist ja schon tot...“. Daraufhin bekam ich wenige Tage später ein Foto von ihr zugeschickt mit dem Kommentar versehen: Für alle Deine Küchen – in ferner Zukunft! So fern war leider die Nachricht von ihrem Tod nicht mehr und so habe ich Marilyn verbannt und proste seit einigen Jahren Dorothee in meiner Küche zu.

In einem ihrer Gedichte schreibt sie:

“.......wohnst du denn ganz allein

ohne dass tote mal vorbeischauen

einen zu trinken mit dir

bildest du dir wirklich ein

du wärst nur du“


Bärbel Wartenbrg-Potter, Bischöfin a.D.

Dorothee Sölle- eine feurige Wolke

Ein Blick auf ihr Leben

Speyer 5. 9. 2019,

Fliedner Saal im Diakonissen-Mutterhaus

Bärbel Wartenberg Potter, Bischöfin a.D. Köln

I.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Mitten in den finstersten Zeiten des Kalten Krieges, in den 1980er Jahren, als die Atomraketen in Ost- und West massiv aufgebaut wurden, fand in Vancouver, Kanada die 6.Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen statt. 3000 Menschen, Christinnen und Christen aus allen Teilen der Welt und aus allen Konfessionen hatten sich unter dem Thema „Jesus Christus, das Leben der Welt“ versammelt.

In der großen Versammlungshalle auf dem Campus der Universität herrschte eine gespannte Stille: Gleich würde Dorothee Sölle, die sehr umstrittene Theologin aus Deutschland, über das Thema „Leben in seiner Fülle“ sprechen.

Wie kam es, dass diese umstrittene Person zur Vollversammlung der Kirchen eingeladen worden war? Im Jahr vor der Vollversammlung saß ich mit der einflussreichen Vorsitzenden des Planungsausschusses bei einer Besuchsreise eines Teams des Ökumenischen Rates, das die Kirchen der Sowjetunion besuchte, in einem eiskalten Bus, der vom Kloster Sagorsk nach Moskau klapperte. Wir sprachen über die Planung der Vollversammlung und das wagte ich Dr. Lois Wilson zu fragen, ob sie sich Dorothee Sölle als Rednerin auf der Vollversammlung vorstellen könnte. Sie war sofort von der Idee begeistert. Sie kannte Dorothee aus ihren Büchern. Sie wollte es in ihrem Planungsausschuss besprechen. Ein paar Wochen später kam in Genf beim ÖRK ein Brief aus Canada an mit dem Vorschlag, Dorothee zur Vollversammlung einzuladen.

Ich erinnere mich, dass es auf allen Ebenen der Planung in den Gremien des ÖRK kontroverseste Diskussionen gab, ja extreme Einsprüche, persönliche Bekenntnisse, Zustimmungsbekundungen, scharfe Proteste, besonders der betroffenen Kirche, der EKD. Schließlich wurde Dorothee Sölle als Rednerin eingeladen.

Nun stand sie da in Vancouver, klein und schmal, im Rampenlicht, sie trug ein schwarzes Kleid mit großen bunten Stickereien aus Palästina.

Und sprach mit kehliger, aufgeregter Stimme

Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Erde kommt, einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte, die einige von uns Deutschen noch nicht vergessen konnte— Ich spreche zu Ihnen aus Zorn, in Kritik und Trauer. Dieser Schmerz über mein Land… wächst aus dem Glauben an das Leben der Welt, das mir in dem armen Mann aus Nazareth begegnet ist.“

Das Entsetzen stand den deutschen Delegierten in den Gesichtern geschrieben.

 

Dorothee sprach im Fortgang ihrer Rede über die biblische Geschichte vom Reichen Jüngling.

Viele Menschen in der Mittelklasse sind heute (wie der Reiche Jüngling damals) auf der Suche nach einer neuen Spiritualität. Sie wollen zu dem, was sie schon haben, Ausbildung und Beruf, Erziehung und gesichertes Einkommen, Familie und Freunden noch etwas mehr haben. Die religiöse Erfüllung, den Sinn des Lebens, die Speise der Seele, den Trost, das alles soll zusätzlich zur materiellen Sicherheit noch dazukommen.. Die Fülle (aber) kommt nicht, wenn du schon alles hast… (Gewöhnen,44-48)

Diese Stunde und diese Rede haben so viel Aufsehen und Aufregung verursacht hat, sie sagen viel über Dorothee aus:

Sie war eine radikale Frau im Sinne des Wortes: ihr Denken ging an die Wurzeln, auf den Grund der Dinge.

Sie war eine mutige Frau, trotz der vielen Ein- und Gegensprüche nahm sie nichts aus dieser Rede heraus, was vielen (mich eingeschlossen) anstößig war.

Sie war eine hartnäckige, ja dickköpfige Frau, die sich von keiner Autorität auch nicht von der Bitte des Generalsekretärs Philip Potter, abbringen ließ von ihren scharfen Worten. .

Und schließlich war sie eine ernsthafte Theologin und im tiefsten Sinne fromm:

Die Fülle des Lebens wird nicht weniger, wenn wir sie miteinander teilen, sondern sie vermehrt sich so wunderbar wie fünf Brote und zwei Fische sich vermehren…

So war es in Vancouver.

2.

Jemand hat Dorothee Sölle einmal „eine feurige Wolke“ genannt. Alle, die ihr begegnet sind, wissen um ihre Gabe, Menschen nachdenklich zu machen und - zu entflammen. Viele hat sie auf den Weg gebracht, geistlich ernährt und getröstet, die sich später für Frieden Gerechtigkeit und die Schöpfung engagiert haben. Viele sahen in ihr eine moderne Prophetin.

Am Anfang bis zum Ende ihres Lebens aber stand die Frage nach Gott: Gibt es Gott? Wo ist Gott? Wie ist Gott? Hat Gott für mein Leben und für die Welt eine Bedeutung? Kann ich mit Gott in meinem Leben rechnen?

Diese Frage spannte sich in vielen Variationen über ihr ganzes Lebenswerk wie ein roter Faden. Dorothee Sölle hat uns erklärt, dass die dualistische Trennung von Gott und Welt in zwei getrennte Wirklichkeiten nicht mehr weiter gedacht werden kann.

An diesem roten Faden der Gottes-Frage entlanggehend möchte ich heute Abend holzschnittartig versuchen, ihr Leben zu bedenken. Auch mir hat sie geholfen, den roten Faden „Gott“ in meinem Leben immer wieder neu zu suchen, finden und festzuhalten.

 

 

3.

Gott ist tot“

1965 erschien ihr Buch “Stellvertretung, Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes.“ Es brachte ihr den Ruf ein, eine „Gott ist tot“ Theologin zu sein. Dieses Buch beginnt allerdings mit einem Psalmwort aus dem 73. Psalm:

und doch bleibe ich stets bei dir, meine rechte Hand hast du erfasst, mit deinem Rat leitest du mich, und danach nimmst du mich in Ehre hinweg.“ (Psalm 73,23-24)“

Das Buch war eine Auseinandersetzung mit dem von Nietzsche formulierten Satz: „Gott ist tot“. Er steht am Anfang ihrer theologischen Entwicklung und machte sie berühmt. In diesem Buch enttrohnte sie in der Tat einige der traditionellen Gottes-Bilder.

Auschwitz hatte die europäischen DenkerInnen zutiefst sprachlos gemacht. Wer nach Auschwitz noch genau so redete wie vorher, hatte nichts begriffen. Warum hatte Gott nicht eingegriffen? Dorothee Sölle dachte über eine neue Theologie nach „dem Tode des traditionell allmächtigen Gottes“, d.h. Gottesbildes nach, dessen Ohnmacht in Auschwitz sichtbar geworden war. Sie sagte: Nach Auschwitz kann ich nicht mehr von dem Gott sprechen, der „alles so herrlich regieret“.

Wo war Gott angesichts dieses unermesslichen Leids, Hasses und Todes. In vielen Auseinandersetzungen hat sie immer wieder gefragt und gesucht. Können wir nach Auschwitz überhaupt noch von Gott reden? Wie können wir von Gott reden? Sie wollte auf Gott nicht verzichten, wohl aber auf das voraufklärerische Gottesbild vom allmächtigen, herrschenden Gott, in ihren Augen eine falsche, bzw. heute nicht mehr brauchbare Gottesvorstellung, die Auschwitz nicht standhält. Sie wollte eine Tür zum neuen Gottes-Verständnis öffnen, für sich selbst, für Menschen, die in den alten Traditionen keine Heimat mehr fanden und sagten: „Gott gibt es nicht,“ oder eben „Gott ist tot“. Sie suchte, wie schon Dietrich Bonhoeffer vor ihr, ein Leben ohne die Vorstellung eines eingreifenden allmächtigen Gottes, aber eben doch ein Leben „vor Gott und mit Gott.“ Sie war auf der Suche nach dem demütigen Gott.

Ihr ganzes Leben galt direkt oder indirekt dieser Suche nach einer Gotteserfahrung und einer neuen Sprache, die sie ausdrücken kann. Sie hat für uns alle eine neue Sprache gefunden.

4. Gott wird Mensch

In dieser Zeit beginnt sie neu über Christus nachzudenken, den sie später oft: den armen Mann aus Nazareth nennen wird.

Während einer Reise nach Vietnam im Jahre 1972 – in Vietnam tobte der Krieg der Amerikaner gegen das sozialistische Vietnam und viele Menschen auch in Amerika protestierten gegen diesen Krieg, dort erlebte sie eine kollosale „Perspektiverweiterung“. Sie erkannte, dass der Gekreuzigte “ nicht im sakralen Abseits der Kirchen“ zu finden sei, sondern mitten im Elend, in den verlorenen Menschen Vietnams ..“(Wind 90)Als in Auschwitz ein Junge erhängt worden war, schrie jemand: “Wo ist Gott“? und jemand antwortete: „Dort ist er, er wird gerade erhängt.“ Das war die Grundlage für Dorothees Kreuzestheologie.

In jedem gequälten, verachteten, armen Menschen begegnet uns Christus. Das hat ihr Nachdenken über Gott und Jesus völlig verändert. „ Gott begegnet in unvorhersehbarer Weise in der Diesseitigkeit. Sie hat, wie viele von uns damals, aus der Theologie der Befreiung gelernt, die in Lateinamerika, Afrika und Asien, aber auch in Europa das theologische Denken immer mehr veränderte. Daraus entstand auch großartige religiöse Kunst. Auf diesem Weg entdeckt Dorothee Sölle

Christus ist das Gesicht Gottes für uns, das demütige, leidenschaftliche Gesicht Gottes. .

Gott leidet in Christus

Gott ist parteiisch für die Armen und Leidenden

Gott braucht uns (nicht nur wir ihn)


Bonhoeffer schrieb in einem Gedicht im Gefängnis

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not..

In der 3. Strophe dreht er es um.

Menschen gehen zu Gott in seiner Not

Finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,

sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.

Christen stehen bei Gott in seinen Leiden,

 

Für Dorothee Sölle bedeute das, dass Gott auch uns braucht. Gott und Menschen stehen in einer Beziehung der Gegenseitigkeit. Das war eine theologische These, gegen die sich viele Menschen in den Kirchen gewehrt haben.

Wie oft, fasst sie ihre Gedanken in einem Glaubensbekenntnis zusammen

 

Ich glaube an Jesus Christus

Der Recht hatte, als er,

ein einzelner der nichts machen kann“,

genau wie wir

(doch) an der Veränderung aller Zustände

arbeitete und darüber zugrunde ging.

An ihm messend erkenn ich,

wie unsere Intelligenz verkrüppelt

unsere Phantasie erstickt

unsere Anstrengung vertan ist,

weil wir nicht leben wie er lebte.

Jeden Tag habe ich Angst

Dass er umsonst gestorben ist,

weil er in unseren Kirchen verscharrt ist,

weil wir seine Revolution verraten haben

in Gehorsam und Angst vor den Behörden.

Ich glaube an Jesus Christus

Der aufersteht in unser Leben,

dass wir frei werden

von Vorurteilen und Anmaßung,

von Angst und Hass

und seine Revolution weitertreiben

auf sein Reich hin. 1969 (Wind 58)

 

Aber für die Theologin Sölle sollte die Theologie nicht nur ein Gedankenkonstrukt bleiben. Sie suchte das Konkrete, die Orthopraxie, nicht die Orthodoxie. Und daraus erwuchs die nächste Station ihrer Gottsuche.

5. Gott im Müll

1o Jahre lang lebte und unterrichtete sie jeweils im Sommersemester in New York Theologie am Union Theological College. Dort begegnete sie Menschen aus allen Konfessionen, Kulturen und Lebenssituationen, .

Sie hat ein spannendes Tagebuch geschrieben und begonnen, ihr Leben und ihre Theologie in Gedichten auszudrücken.

Durch die weltweite ökumenische Bewegung, die sie durch Konferenzen und Reisen in den globalen Süden entdeckte, lernte sie die globale Ungerechtigkeit, die Armut, die Gewalt gegen die Armen kennen, den Rassismus. Auf den Reisen durch Lateinamerika hört sie die Stimme der Armen in dem Gedicht:

Wir haben Wunden,

aber sie stehlen uns die Medizin.

Wir haben Hunger,

aber sie haben uns das Brot weggenommen-

Und wir leiden hier

Und dort freuen sie sich

Und hier weinen wir

Und dort lachen sie

Und hier sterben wir

Und dort freuen sie sich und Lachen

Und wir sind arm

Und sie reich

Wir besitzlos

Sie Eigentümer

Sklaven

Herren

Zugleich entdeckte sie, dass die Armen wirklich an die Auferstehung glauben, an die Auferstehungskraft, die unter ihnen mächtig ist.Der auferstandene Christus war gerade auch bei ihnen anwesend und hat seine Auferstehungskraft entfaltet. In einem Gottesdienst passiert es, dass die Gemeinde in ihren Fürbitten immer auch für die in Kampf gegen die Unterdrückung gefallenen Freunde und Freundinnen beten. Wenn der Priester den Namen des Verstorbenen las, antwortete die ganze Gemeinde mit einem kräftigen „Presente“. „Er/Sie ist hier.“

So endet auch das Gedicht des lateinamerikanischen Bauern:

Aber wir, wir haben mehr.

Wir haben Licht

Wir haben Wasser

Wir haben Leben

Leben, Wasser und Licht

Sind ewig.

Sie werden nicht mit dem Dollar zugrunde gehen.

Wir haben Gott.

 

In dieser Phase findet sie Gott im Müll. Sie sieht, dass wir in den Menschen, den Armen, in jedem Menschengesicht das Gesicht Christi erkennen können und kommt zu dem Schluss: In Christus sehen wir das wahre und einzige Gottesbild, an das wir uns halten können. „Wir müssen jeden Menschenkrümel aufheben, weil Du, Christus, selbst darin bist.“

Gott im Leben, im Lebendigen finden und nicht (nur) im Denken. Dorothee Sölle hat viele ihre Gedanken, Gedichte, Bücher den Armen gewidmet. Sie kannte die Analysen der weltweiten Armut und so bekennt sie schließlich:

Ich glaube an Jesus,

Sohn des Lebens und einer armen Mutter

Politischer Gefangener unter Pontius Pilatus

Zu Tode gefoltert auch heute in den Polizeikellern

Lagern und Kriegen

Die wir noch immer dulden auf unserem kleinen Planeten Erde.

 

Ich glaube an Jesus

Den erstgeborenen aus dem Tode

Sie konnten ihn nicht fertigmachen

Er ist von den Toten auferstanden

Er verbindet uns mit den Toten vor uns

Um die wir trauern

Und den Toten neben uns, die wir nicht gerettet haben

Sie alle sind unsere Schwestern und Brüder

Auf dem kleinen Planeten Erde.

(DEKT Sölle Tag Beiheft 31)

6. Gott in der Mitte des Alltags (Mystik)

Gott im Müll“, in Lateinamerika, ja. Aber wo ist Gott bei uns, hier und heute, wo begegne ich dem Höchsten, dem Tiefsten, dem Sinn, dem Ziel, dem Grund des Lebens?

Dorothee Sölle begann schon in den 1970er Jahren mit einer Art Wünschelrute den Boden der Wirklichkeit abzuschreiten mit ihrer Gott-Suche. In ihrem eigenen Alltag, im, Leben der Menschen, in der Mitte des Lebens, in der Tiefe und Höhe, im Schmerz, im Glück, in der Schönheit, in der Stille sucht sie. „Deus in minimis maximus“ – Gott ist in den allerkleinsten Dingen am größten.“ Sagten schon die Menschen im Mittelalter. Den Weg, den sie nun beschreitet ist der Weg der Mystik.

In allem ist Gott gegenwärtig und erfahrbar, in den Bäumen, in den Tieren, in den Menschen, im Wasser. Von nun an ist die ganze Welt Gottes voll. Gott wird erreichbar, erfahrbar. Der Gottes-Glaube bekommt Glanz und Schönheit und verbindet, was sich widerspricht. Ihr Mystik- Buch trägt den sprechenden Untertitel: „Du stilles Geschrei.“

Dorothee wollte mystische Erfahrungen für alle zugänglich machen, nicht nur für ein paar Fromme. Sie wollte Mystik demokratisieren. Schon früher hatte sie den Gedanken der Gegenseitigkeit heraus gebildet. Unserem Gotteshunger steht die Sehnsucht Gottes nach uns Menschen gegenüber. Unmittelbar wollen wir Gott begegnen. Die Mystik will, dass wir das innere Licht so deutlich wie möglich erkennen. Alle Dinge können Gott-farben werden, jedes Ding, denn Gott ist der Geber alles Lebens. Jeder Ort ist Gott-geeignet, Gottesbegegnung kann ganz nah sein angstfrei. Die Menschen sind Gott-fähig, wir können Gott erkennen aus der Erfahrung. Auch in anderen Religionen tun sie es.

 

Niemals steigt und niemals sinkt die Sonne,

ohne dass nach Dir der Sinn mir stände,

nie sitz mit den Leuten ich, zu sprechen

Ohne dass mein Wort Du wärst am Ende.

Keinen Becher Wasser trink ich dürstend,

ohne dass dein Bild im Glas ich fände

Keinen Hauch tu ich, betrübt noch fröhlich,

Dem sich Dein-Gedenken nicht verbände..

(Al Halladj Mystik und Widerstand 60).

 

Aus dieser tiefen Verwurzelung in Gott und der Einheit mit Gott erwächst auch die Kraft des Widerstandes gegen alles, was das Leben zerstört. Ihr jahrzehnte langes politisches Engagement für Gerechtigkeit und Frieden legen davon Zeugnis ab. Mystik ist kein Rückzug aus der Welt. Sie ist die Quelle der Kraft, auch zum Widerstand in Politik und Kirchen

Auf der Suche nach einem besseren Reden über Gott bin ich immer mehr in die Sprache des Gebetes und der Poesie geraten. Beten, zum Gebet fähig werden, scheint mir nach wie vor wichtiger als darüber zu reflektieren. (Stellvertretung182)

In dieser Zeit findet Dorothee Sölle auch den Weg zur Feministischen Theologie. Zusammen mit ihrer Freundin Luise Schottroff legt sie auf den Kirchentagen die biblischen Texte aus feministischer Perspektive aus, die hinzutritt zu ihren anderen Überzeugungen. Sie entdeckt die tiefere Dimension biblischer Text, die ihr die Bibel und die Wirklichkeit mit den Augen der Frau öffnet und fragt:

Ist unsere (erg. der Frauen) Gottesvorstellung zu zerstört, so von der herrschenden Kultur der Männer bestimmt, dass ein solcher Versuch wie der hier vorliegende, Gott als abhängig, Gott als nicht-machismoartig zu denken, im Rahmen unserer Tradition scheitern muss? Neue Erfahrungen und Empfindungen lehren sie neues Sehen. Bisher blieb die Rede von Gott männlich, nicht weil Gott „er“ genannt wurde, sondern weil Macht und Herrschaft seine wichtigsten Attribute bleiben. (Stellvertretung 182)

 

7. Die Erde gehört Gott

Das alles sind nur dürftige Pinselstrich aus dem großen Universum ihres Denkens und Erfahrens. Auf ihrem Weg der Gott-Suche aber kam sie am Ende zurück zu unser aller Anfang, zur Schöpfung.

Bevor wir alle anfingen, uns um die Erde Sorgen zu machen und zu bemühen, hat Dorothee Sölle längst klare Gedanken zur ökologischen Krise ausgesprochen:

Die Erde gehört uns nicht. Sie ist nicht dazu da, um von uns nach Lust und Laune ausgeplündert und ausgebeutet zu werden.

(Gewöhnen 18)

In einem Bekenntnis „Credo für die Erde“ hat sie ihre Ehrfurcht und Liebe zur Erde ausgesprochen und den mystischen Weg zur Erde ausgeforscht.

Ich glaube an Gottes gute Schöpfung die Erde

Sie ist heilig

Gestern ,heute und morgen

Taste sie nicht an

Sie gehört nicht dir

Und keinem konzern

Wir besitzen sie nicht wie ein Ding

Das man kauft benutzt und wegwirft

Sie gehört einem anderen

Was könnten wir von Gott wissen

Ohne sie unsere Mutter

Wie könnten wir von Gott reden

Ohne die Blumen die Gott loben

Ohne den Wind und das Wasser

Die im Rauschen von ihm erzählen

Wie könnten wir Gott lieben

Ohne von unserer Mutter

Das hüten zu lernen und das bewahren


Ich glaube an Gottes gute Schöpfung die Erde

Sie ist für alle nicht nur für die reichen

Sie ist heilig, jedes einzelne Blatt

Das Meer und das Land

Das Licht und die Finsternis

das Geborenwerden und das Sterben

Alle singen das Lied der Erde

 

Lasst uns nicht einen Tag leben

Und sie vergessen

 

Wir wollen ihren Rhythmus bewahren

Und ihr glück leuchten lassen

Sie beschützen vor Habsucht und Herrschsucht.

Weil sie heilig ist

Können wir suchtfrei werden

Weil sie heilig ist

Lernen wir das heilen

 

Ich glaube an Gottes gute Schöpfung, die Erde

Sie ist heilig

Gestern heute und morgen

(Gewöhnen 17)

 

Zum Schluss möchte ich eine der letzten Geschichten erzählen, die ich mit ihr erlebt habe. Dorothee war eine große Verehrerin des Wassers und eine geradezu süchtige Schwimmerin. Fuhr man mit ihr an einem See entlang, da streifte sie schon die Kleider ab, um hineinzuspringen. Aus dem Wasser wuchs ihr eine Kraft zu, die nur die Elemente zu geben vermögen. Ich sagt zu ihr: „Dorothee, irgendwann werden dir noch Kiemen wachsen.“ Das Wasser war absolut ihr Element.

Am Karsamstag 2003 besuchte sie meinen Mann Philip Potter und mich im Bischofshaus in Lübeck, zusammen mit Fulbert Steffensky, ihrem Mann. Es war kurz vor ihrem zweiten tödlichen Herzinfarkt.

Wir sprachen – es war Karsamstag-- über Tod und Auferstehung. Für sie war es eine allerwichtigste Einsicht, nicht bei der Furcht vor dem Tod und seinen Schrecken stehen zu bleiben, sondern schon zu Lebzeiten in unsere Endlichkeit einzustimmen.

An diesem Nachmittag sprachen wir über die Bilder, die wir uns vom Tod machen. Es war im Übrigen eine höchst heitere Stimmung unter uns.

Dorothee sagte: „Ich stelle mir vor, dass ich, wenn ich sterbe, ein Tropfen im Meer der Liebe Gottes werde.“

Fulbert widersprach ihr: „Du willst doch auch, dass die Armen im Reich Gottes sich endlich an einen gedeckten Tisch setzen können und sich satt essen“. Sie lächelte verlegen.

Zwei Wochen später ist sie gestorben. Ich habe die Trauerfeier geleitet und in meiner Predigt gesagt.

Ein Tropfen im Meer der Liebe Gottes, wollte sie werden. Das war ihr mystisches Todesbild. Denn auch ein Tropfen vermehrt die Kraft des unermesslichen Meeres, auch ein Tropfen tritt ein in die Tiefe des Seins. Wenn sie ein Tropfen geworden ist, dann ist sie gewiss ein goldener Tropfen im Meer der Liebe und Gerechtigkeit Gottes. Vielleicht aber lässt es sich auch so verstehen, dass in uns allen der Wunsch ist, dahin zurückzukehren, woher wir kommen: in einem kleinen Säckchen voll Wasser, im Mutterleib, beginnt unser Leben, dieses Säckchen heißt auf Hebräisch „rechem“ und das steckt in dem Wort „rachamin“ Barmherzigkeit, compassion: das göttlich-mütterliche Wasser des Lebens, das Woher aller Barmherzigkeit, die Gott selbst uns schenkt. Dahin zurück.“ (Mystik des Todes 153)

Ein goldener Tropfen… im Meer der Liebe Gottes. Eins-Sein mit Gott. Vergehen in der Liebe Gottes. So war Dorothees Ende.

Ihr zur Ehre habe ich ein kleines Gedicht geschrieben (nach einem Gedicht von Bert Brecht)

Das ist unsere Schwester Dorothee:
gute Kämpferin, prophetisch und fromm,
mutig gegen die Feinde des Lebens,
prophetisch mitten im Haus der Kirche,
fromm in einer gottlosen Welt,

ein zarter Vogel ans Gedächtnis und Geist.

Ihre Arbeit ist groß,

zäh verrichtet und unentbehrlich.

 

Sie ist nicht allein, wo immer sie kämpft.

 

Wie sie arbeiten,

empfindsam, verlässlich, voll Phantasie,

in Chile und Hamburg, New York und Köln,

Soweto und Rio,
alle Dorothees aller Länder,

listig und fromm,

mutige Arbeiterinnen in Gottes Weinberg,
unentbehrlich, unvergesslich.


"Liebesfähig zu werden ist das Ziel des Lebens"

(Dorothee Sölle)